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Nr. 446 Ministerrat, Wien, 20. Februar 1864 - Retrodigitalisat (PDF)

  • RS.; P. Ransonnet; VS. Kaiser; BdE. und anw. (nur BdE. Erzherzog Rainer 22. 2.), Rechberg (keine BdE.), Mecséry, Schmerling, Lasser, Plener, Lichtenfels, Burger, Esterházy, Hein, Mertens; abw. Erzherzog Rainer, Nádasdy, Forgách, Franck; BdR. Erzherzog Rainer 4. 3. Druck: Blaas , Rivolta friulane 102–104 .

MRZ. 1250 – KZ. 614

Protokoll des zu Wien am 20. Februar 1864 abgehaltenen Ministerrates unter dem Ah. Vorsitze Sr. Majestät des Kaisers.

I. Armeeverstärkung im lombardisch-venezianischen Königreich

Se. k. k. apost. Majestät geruhten Ag. zu eröffnen, Allerhöchstdieselben hätten den FZM. Ritter v. Benedek in Folge der bei der Konferenzberatung am 7. d. M.1 zur Sprache gebrachten Verhältnisse Ah. beauftragt, sich darüber zu äußern, ob er ungeachtet der moralischen Rückwirkung des Erfolgs der österreichischen Waffen in Schleswig noch immer die Überzeugung von der Notwendigkeit einer Truppenvermehrung in Lombardo-Venetien hege, und wenn ja, ob dieselbe schleunig und in welcher Stärke zu verwirklichen sei2.

FZM. Freiherr v. Mertens las hierauf über Ah. Befehl den diesfalls vom Kommandierenden der italienischen Armee an den k. k. Ersten Generaladjutanten erstatteten Bericht3. In demselben zeigt FZM v. Benedek, daß er von den ihm dermal unterstehenden Truppen im Falle eines äußeren Angriffes oder großen Aufstands im Inneren 48.000 Mann zur Verteidigung der Festungen allein verwenden müßte und ihm somit nur 8.000 Mann zu militärischen Operationen auf dem flachen Lande erübrigen würden, eine Zahl, die offenbar nicht genügen würde, um die Insurrektion in der ganzen Provinz schnell niederzuschlagen oder eine einigermaßen kräftige fremde Streitmacht über die Grenzen hinauszuwerfen. Die Ereignisse in Schleswig haben allerdings in Italien Eindruck gemacht; aber es sei sehr zu bezweifeln, daß er so stark und so nachhaltig sein werde, um auf die bereits sehr weit engagierte, von blindem Haß erfüllte italienische Aktionspartei lähmend einzuwirken. Wenn auch die sardische Regierung, wider Vermuten, Herr bleiben sollte der Bewegungspartei, so hegt dieselbe doch notorisch böse Absichten und unsere dermalige numerische Schwäche gibt denselben Nahrung. Um nun den drohenden Gefahren vorzubeugen und den Frieden nach Innen und Außen noch länger zu erhalten, gebe es kein anderes Mittel, als unsere Defensivkraft baldigst entsprechend zu erhöhen. Diese Verstärkung hätte bei den Fußtruppen und zwar um mindestens 19–20.000 Mann einzutreten. Es würde dadurch nur der Stand vor den letzten Reduktionen wieder erreicht4. Von Anzeichen über aggressive Absichten Österreichs könne man umso weniger darin etwas wittern, als selbst die dergestalt || S. 251 PDF || verstärkte italienische Armee nur einem plötzlichen, minder heftigen Angriffe erfolgreich entgegentreten könnte und sie für den Fall eines größeren Krieges noch weit bedeutendere Defensivkräfte an sich ziehen müßte. Dies unumwunden zu erklären, halte sich der Feldzeugmeister verpflichtet gemäß der ihm obliegenden Verantwortung. Wenn der Ministerrat aber die als dringend begehrte Vermehrung nicht eintreten lassen wolle, so möge er dann auch die volle Verantwortlichkeit für die Folgen übernehmen. In bezug auf den Kostenpunkt erinnerte FZM. Baron Mertens an die dem Ministerrat neulich vorgelegte Berechnung, wonach die beantragten Verstärkungen abgesehen von den für die Festungen bestimmten 973.000 fl. einen Aufwand von ca. 275.000 fl. für die erste Aufstellung, dann noch 220.000 fl. monatlich an kurrenten Mehrauslagen erfordern würden. Letztere Auslagen werden übrigens nicht sogleich in ihrer vollen Höhe eintreten, sondern nur allmählich, nach Maß des Einrückens der Urlauber zu den Truppen. Über die vom Finanzminister aufgeworfene Frage, ob denn seit der letzten Konferenzberatung die Aspekte in Italien eine so kriegerische Wendung genommen haben, daß man besorgen müßte, Sardinien werde trotz des elenden Zustandes seiner Finanzen, welche soeben nur durch ein sehr schlechtes Eisenbahnverkaufsgeschäft sich momentane Abhilfe verschaffen konnten, einen Angriffskrieg gegen Österreich beginnen, erwiderte der Minister des Äußern , daß allerdings in den letzten Tagen Berichte über eine verstärkte militärische Tätigkeit in den sardischen Staaten eingelaufen sind5. Man zieht Truppen aus dem Neapolitanischen nach dem Norden, beruft Reservemänner zu den Fahnen und schreibt eine neue Konskription aus. Frankreich mahnt zwar vom Beginn eines Krieges ab, wozu es Sardinien auch an Geldmitteln fehlt, und es ist daher wahrscheinlich, daß es in diesem Frühjahre, ebenso wenig als in den vorausgegangenen, zum Kriege kommt. Allein es ist auch möglich, daß die sardische Regierung von der Aktionspartei unwiderstehlich zum Kampfe hingerissen wird, und für diese Eventualität müssen wir uns jetzt rüsten. Der Polizeiminister sprach sich in gleicher Weise aus. Der Krieg in Schleswig kommt den Revolutionärs in Italien insofern gelegen, als er uns zur Teilung unserer Kräfte nötigt, und sollten vollends etwa Aufstände in den Donauländern ausbrechen, so wird die Aktionspartei sich nicht länger halten lassen und die sardinische Regierung wird, um zu leben, folgen müssen. Der Marineminister erklärte sich ebenfalls für die Ag. Bewilligung der vom Feldzeugmeister angesuchten Verstärkungen, wobei er auf alles das hinwies, was Sardinien für seine Armee getan hat. Der Staatsminister erklärte, er könne den bestimmten Aussprüchen des FZM. v. Benedek aund den Bedenken des Ministers Grafen Rechberga gegenüber nicht die Verantwortung übernehmen, daß die in Rede stehende Verstärkung unterbleibe. Hoffentlich werde diese Vermehrung des Aufwandes nur eine vorübergehende sein.

Von Seite der übrigen Stimmführer wurde schließlich gegen die angesuchte Vermehrung des Truppenstands in Italien keine Erinnerung erhoben6.

Ah. E. Ich habe den Inhalt dieses Protokolls zur Kenntnis genommen. Franz Joseph. Wien, den 3. März 1864. Empfangen 4. März 1864. Erzherzog Rainer.