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Nr. 77 Ministerrat, Wien, 4. Juni 1861 - Retrodigitalisat (PDF)

  • RS.; P. Ransonnet; VS. Kaiser; BdE. und anw. (Erzherzog Rainer 5. 6.), Rechberg, Degenfeld, Plener; BdR. Erzherzog Rainer 10. 6.

MRZ. 862 – KZ. 1809

[Tagesordnungspunkte]

Protokoll der Ministerkonferenz am 4. Junius 1861 unter dem Ah. Vorsitze Sr. Majestät des Kaisers.

I. Reduktion der Militärausgaben

Se. k. k. apost. Majestät geruhten, die Frage über die Zulässigkeit von Verminderungen im Militäraufwande zur Beratung zu bringen, nachdem der Finanzminister die Notwendigkeit von Restriktionen des Aufwandes für die Armee || S. 100 PDF || und die Kriegsmarine in einem besonderen Vortrage als dringend notwendig dargestellt hat1. Diese Frage sei vom politischen, militärischen und finanziellen Standpunkte näher zu beleuchten.

Der Minister des Äußern findet die politische Lage noch nicht entschieden gebessert. Es habe zwar den Anschein, als ob im laufenden Jahre kein Krieg ausbrechen werde, allein Graf Rechberg könne dafür nicht einstehen. Der „Telegraph“ hat allerdings gemeldet, daß Sardinien seine Armee auf den Friedensfuß setzen will2. Allein nach einem heute eingelangten vertraulichen Berichte soll die Beurlaubung von 15.000 Mann Sarden nur eine Finte sein, um diese Soldaten dem Garibaldi zur Disposition zu setzen, der selbe in bereits vorhandene, bzu diesem Behufe bestelltea ungarische Uniformen kleiden und zu Expeditionen an der kroatisch-dalmatinischen Küste verwenden will3. Das Manöver der großartigen Beurlaubungen wurde von Sardinien auch kurz vor der Expedition nach Sizilien in die Szene gesetzt. Mit den angeblichen friedlichen Gesinnungen Viktor Emanuels stehe die von ihm gemachte Bestellung von 100.000 Bombenb im grellen Widerspruche. In den äußeren Verhältnissen ist wohl eine Besserung eingetreten, aber Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens ist noch nicht vorhanden, zumal Frankreich schlagfertig dasteht. Auch Lord J. Russell hat sich vor kurzem im selben Sinne ausgesprochen4. Dem Finanzminister erscheint dagegen die Lage der sardinischen Finanzen so zerrüttet, daß dieser Staat schon aus diesem Grunde allein keine große kriegsbereite Truppenmacht in Oberitalien || S. 101 PDF || aufzustellen vermöchte, abgesehen davon, daß die Vermehrung der sardischen Truppen in Unteritalien dringend nötig ist. Die Erschöpfung des sardinischen Staatsschatzes ist in Paris und London so bekannt und das Vertrauen auf eine Besserung so gering, daß das beabsichtigte große Anlehen ganz gescheitert ist. In diesem Augenblicke sucht man sich noch durch massenhaften Verkauf des Restes von Monte-Obligationen zu helfen, aber diese Quelle wird bald versiegt sein, und, da in Unteritalien schlechterdings gar keine Steuern gezahlt werden, so müssen die Geldverlegenheiten der sardinischen Regierung, welche sich bereits durch das Anwachsen von Zahlungsrückständen in der Militärverwaltung und bei den Beamtengehalten äußerten, bald in der Art steigen, daß sie dem laufenden Dienste gar nicht mehr genügen und [die Regierung] um so weniger daran wird denken können, eine Armee zu bezahlen, mit der sie uns dam Po oder Mincioc ernstlich angreifen könnte. Dies schließt freilich nicht aus, daß Parteigänger Landungsversuche an unserem Littorale machen. Aber soviel scheint dem Finanzminister gewiß, daß wir nicht nötig haben, im Venezianischen eine so große Macht für einen Angriff bereitzuhalten, der ewenigstens von Sardinien ausd heuer gar nicht erfolgen kann. Dem Minister Edlen v. Plener dränge sich ferner die Frage auf, ob es denn gegenwärtig noch nötig sei, die Truppenaufstellungen an der türkischen Grenze zu belassen. In letzterer Beziehung erwiderte der Minister des Äußern , daß die Zeit hiezu noch keineswegs gekommen sei und man zu dieser Maßregel erst dann schreiten könne, fwenn sich herausgestellt haben wird, daß Omer Pascha, der soeben in Mostar angekommen sei, imstande sei, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen,e [d. h.] wenn die Pforte der Revolution in der Herzegowina Meister geworden sein wird. Überhaupt könne er nur vor zu frühzeitigen Desarmierungen warnen, weil man dabei, statt zu sparen, verschwendet.

Der Kriegsminister erörterte hierauf umständlich die verschiedenen Restriktionen und Dislokationen, wodurch den Finanzen — unter der Voraussetzung einer friedlicheren Gestaltung der Verhältnisse — Erleichterungen verschafft werden könnten, und zwar: a) die Zurückverlegung von einem oder eventuell zwei Grenzregimentern aus Dalmatien in ihre Heimat gegen Vorschub eines Jäger- und eines Linieninfanteriebataillons aus Agram an die Küste; b) die Zurückziehung von 13 Dritten Infanteriebataillons aus Italien mit gleichzeitiger Reduktion ihres Standes und Auflösung ihrer Depotdivisionen, dann Reduktion bei den übrigen Depotdivisionen; c) die Entlassung von 8400 Reservemännern aus der aktiven Armee in Italien, ohne dieselben zu ersetzen; diese Maßregel erscheint dem Kriegsminister aber deswegen nicht unbedenklich, weil unter diesen Reservisten sich auch 3000 Mann aus Ungarn befinden, welche vorsichtsweise vielleicht lieber bei den Fahnen behalten werden dürften. Durch die Dispositionen a, b und c würde sich eine monatliche Ersparnis von 200.000 fl. erzielen lassen. Der Finanzminister glaubte, den Vollzug dieser Maßregeln auf || S. 102 PDF || das wärmste bevorworten zu sollen. Es sei nämlich ein auch in politischer Beziehung sehr wichtiger Punkt, mit den vorhandenen Ressourcen möglichst hauszuhalten, damit man sich nicht plötzlich insolvent erklären muß, was unsere Stellung auch in Ungarn sehr schwächen würde. v. Plener hoffe, durch die Verhandlungen mit der Nationalbank große Summen in deponierten Effekten flüssigzumachen, aber man müsse ihm das Auslangen mit seinen Hülfsquellen auch nebstbei durch Ersparnisse erleichtern! In dieser Beziehung wäre es sehr wünschenswert, wenn die Materialanschaffungen beschränkt würden. Andererseits würde die Vermehrung der slawischen etc. Truppen in Ungarn Mittel gewähren, die Steuerexekution ergiebiger zu handhaben. Der Kriegsminister versicherte, daß an der Ergänzung und Verbesserung unseres Materials nichts erspart und die Verpflegsreserve im Venezianischen nicht vermindert werden könne. Ebenso sei der Verkauf von Pferden nicht rätlich. Dagegen habe Graf Degenfeld bereits Vorerhebungen in der Absicht eingeleitet, um Truppen aus Mähren und Steiermark nach Ungarn zu verlagern, gund es wird der geäußerte Wunsch erfüllt werden könnenf .

Se. Majestät der Kaiser geruhten, die oben unter a, b und c bezeichneten Verfügungen, welche zusammen eine monatliche Ersparung von 200.000 fl. in Aussicht stellen, Ah. zu beschließen, jedoch mit dem Beisatze, daß über die Zurückziehung der 13 Bataillons noch vorläufig FZM. Ritter v. Benedek zu vernehmen sei. Was die Entlassung der Reservemänner betrifft, so sei dies gesetzlich zugesichert, und es seien dabei weder ein Aufschub noch Ausnahmen gerechtfertigt5. Bei der Marine erscheinen unter den gegenwärtigen Verhältnissen Reduktionen nicht an der Zeit6.

Schließlich wurde von dem Minister des Äußern der Bezug des äußerst wohlfeilen getrockneten Fleisches aus Südamerika für die Armee in Anregung gebracht, worüber vorerst nähere Informationen einzuholen wären.

Ah. E. Ich habe den Inhalt dieses Protokolls zur Kenntnis genommen. Franz Joseph. Laxenburg, den 8. Juni 1861. Empfangen 10. Juni 1861. Erzherzog Rainer.