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Nr. 200 Ministerkonferenz, Wien, 9. August 1860 – Protokoll I - Retrodigitalisat (PDF)

  • RS.; P. Ransonnet; VS. Kaiser; BdE. und anw. Erzherzog Wilhelm 25. 8., Erzherzog Rainer, (Rechberg 10./26. 8.), Thun 12. 8., Nádasdy 15. 8., Gołuchowski 16. 8., Thierry 24. 8., Plener 24. 8., FML. Schmerling 25. 8.

KZ. 2774

Protokoll I der Ministerkonferenz am 9. August 1860 unter dem Ah. Vorsitze Sr. Majestät des Kaisers.

I. Ersparnisse im ersten Semester 1860

Aus Anlaß der vom Leiter des Finanzministeriums überreichten Zusammenstellung der Staatsausgaben im I. Semester des laufenden Verwaltungsjahres geruhten Se. k. k. apost. Majestät die Ah. Zufriedenheit mit der bei den verschiedenen Administrationszweigen beobachteten sparsamen Gebarung auszudrücken1.

II. Angriffe auf einen Minister von Seite einiger Reichsräte

Se. Majestät der Kaiser geruhten zu erklären, daß persönliche Angriffe auf einen Minister von Seite der Reichsräte nicht die Wirkung haben können, denselben von seinem Posten zu verdrängen, und daß Allerhöchstdieselben selbst seinem darauf basierten Entlassungsgesuche keine Folge zu geben entschlossen wären2.

III. Maßregeln zum Schutze der österreichischen Küsten gegen einen Angriff der Revolutionäre

Angesichts der Wendung der italienischen Angelegenheiten halten es Se. Majestät durch die Vorsicht geboten, in Überlegung nehmen zu lassen, was zum Schutze der zunächst bedrohten Küstenländer zu verfügen wäre, und hiebei sowohl den Zeitpunkt als die Ausdehnung der zu treffenden militärischen Dispositionen ins Auge zu fassen3.

|| S. 368 PDF || Infolge Ah. Aufforderung ergriff der Ministerpräsident das Wort und zeigte, daß, soweit man unter den gegenwärtigen, wechselvollen politischen Verhältnissen einen Blick in die Zukunft zu werfen vermag, ein Angriff auf unsere venezianischen Besitzungen von der Landseite vor dem nächsten Frühjahre kaum zu besorgen sein dürfte. Dagegen sei ein Landungsversuch von Seite Garibaldis an einer österreichische Küste noch im Laufe dieses Jahres nicht bloß möglich, sondern selbst nicht unwahrscheinlich; für uns wäre allerdings ein gelungener Angriff an der kroatischen Küste am nachteiligsten, und man müsse sich daher seinerzeit in die Verfassung setzen, einen solchen Angriff abzuschlagen. Ganz unvorbereitet werde uns derselbe nicht treffen können, indem eine maritime Expedition dieser Art jedenfalls eine Vorbereitung von mehren Wochen erfordert, welche unter den gegenwärtigen Verhältnissen kein Geheimnis bleiben kann.

Se. kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Wilhelm bemerkte, daß der Gouverneur von Dalmatien dringend um Verstärkung gebeten habe, daher zwei Bataillons dorthin zu verlegen wären4. Zum Schutze der nördlichen Küsten könnten ein paar Infanterieregimenter vorgeschoben werden.

Se. Majestät geruhten die diesfälligen Vorarbeiten dem Armeeoberkommando Ah. aufzutragen. Hiebei sei auch auf das Herausziehen von Urlaubern aus Ungarn zu reflektieren5.

IV. Erhöhung des Standes der 3. Bataillons in Ungarn

Se. k. k. apost. Majestät geruhten die bereits einmal in der Konferenz beratene Erhöhung des Standes der Kompanien bei den 3. Bataillons in Ungarn neuerdings zur Sprache zu bringen6.

Se. kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Chef des Armeeoberkommandos bevorwortete diese Maßregel hauptsächlich aus dem Grund, um die Augmentationsvorräte, welche dermal bloß von 60 Mann in jeder Station bewacht werden, gegen einen revolutionären Handstreich besser zu sichern.

Der Minister des Inneren glaubte, wie bei der ersten Beratung, die Bedenken gegen die Vermehrung des loco-Standes ungarischer Regimenter im Lande selbst geltend machen zu sollen. Der Justizminister glaubte, daß die Standeserhöhung aauf keinen Falla bei den Stationen Szolnok und Stuhlweißenburg Platz greifen dürfte, nachdem für bdiese mit Pest-Ofen durch die Eisenbahn verbundenen Orte nichts zu besorgen sein dürfte, eher aber für die Magazine in Trentschin und Munkács vielleichtb Gefahr droht7.

V. Angelegenheiten der Südbahngesellschaft

Der Leiter des Finanzministeriums referierte auf Ah. Befehl 1. über den Fortgang der Eisenbahn­bauten zwischen Görz und Nabresina und über den beruhigenden Zustand der Betriebsmittel auf der Südbahn überhaupt, dann 2. über die vorhandene || S. 369 PDF || Aussicht, die Südbahngesellschaft bei den Teilungsverhandlungen im gütlichen Wege zu vermögen, daß sie den Bau der Kärntner und der Brennerbahn beschleunige8.

Ah. E. Ich habe den Inhalt dieses Protokolls zur Kenntnis genommen. Franz Joseph. Wien, den 30. August 1860.