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Nr. 42 Ministerrat, Wien, 3. April 1849 - Retrodigitalisat (PDF)

  • RS.; P. Ransonnet; VS. Kaiser; BdE. und anw. Schwarzenberg, Stadion, Krauß 10. 4., Bach, Cordon, Thinnfeld, Kulmer; außerdem anw. Welden.

MRZ. 1004 – KZ. 1067

Protokoll der zu Olmütz am 3. April 1849 in Ah. Anwesenheit Sr. Majestät des Kaisers abgehaltenen Sitzung des Ministerrates.

I. Reise des Kaisers nach Ungarn

Der Ministerpräsident eröffnete die Sitzung mit der Entwicklung seines au. Antrages, daß Se. Majestät der Kaiser geruhen wollen, Allerhöchstsich demnächst auf einige Zeit nach Ungarn zu begeben. Fürst Schwarzenberg hegt die Überzeugung, daß eine Reise Sr. Majestät in dieses Land gegenwärtig in jeder Beziehung die besten Folgen haben würde, sowohl in Absicht auf den Eindruck bei der Bevölkerung des Landes und bei der Armee, als bezüglich der Einschlagung eines neuen, für das Heil der Monarchie ersprießlicheren Ganges der dortigen militärischen Operationen wie auch der administrativen Maßregeln.

Sämtliche Minister schlossen sich diesem au. Antrage an, indem sie sich von dem Erscheinen Sr. Majestät in der ungarischen Hauptstadt eine neue glückliche Wendung der Angelegenheiten jenes Landes versprechen, dessen innere Zerrüttung mit jedem Tage zunimmt und einer schnellen energischen Abhilfe bedarf.

Nachdem Se. Majestät hierüber erklärt hatten, dem Antrage des tg. Ministerrates Ag. Folge zu geben, wurden die Modalitäten dieser binnen wenig Tagen anzutretenden Reise in Erwägung gezogen und deren strengste Geheimhaltung beschlossen. Fürst Windischgrätz würde erst kurz vorher davon zu seiner eigenen Wissenschaft unterrichtet werden.

Se. Majestät würden bei Ah. Ihrem Eintreffen in Ofen eine Proklamation an die Völker Ungarns zu erlassen geruhen.

Der Minister des Inneren wird sich beeilen, Sr. Majestät noch vor Allerhöchstderselben Abreise einige die innere Reorganisation Ungarns und die dortigen politischen Verhältnisse beleuchtende Denkschriften zu überreichen1.

II. Maßnahmen zur Unterdrückung des Aufstandes in Ungarn und Siebenbürgen

Der Ministerpräsident brachte hierauf die Lage der Dinge in Siebenbürgen zur Sprache, aus welchem Lande die kaiserlichen Truppen, wie auch die russischen, infolge der jüngsten Kriegsereignisse beinahe gänzlich verdrängt worden sind2. Er wies auf die Notwendigkeit hin, die Rebellion daselbst mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu bezwingen, zumal sie dem Aufruhre in Ungarn die mächtigste Stütze verleiht. Es handelt sich gegenwärtig nicht bloß um den Kampf mit rebellischen Provinzen, sondern mit den Revolutionären aller Länder, welche dort zusammenströmen und ohne Rückhalt das Banner der Anarchie und des Kommunismus entfalten. So dringend notwendig aber es|| S. 205 PDF || auch ist, die europäische Revolution in diesem ihrem letzten Asyl zu besiegen, so könne man sich doch die großen Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens unter den gegenwärtigen inneren und äußeren Verhältnissen des Kaiserstaates nicht verhehlen. Es dringt sich dabei selbst die Frage auf, ob die Regierung die nötigen disponiblen Streitkräfte besitze, um überhaupt so bald die Revolte zu bezwingen, und ob es nicht geraten sei, zu diesem Zwecke den Beistand Rußlands direkt oder indirekt in Anspruch zu nehmen.

Die Minister der Justiz, des Inneren und der Finanzen glaubten sich gegen eine direkte Aufforderung um russische Hilfe erklären zu sollen, da nach ihrer Überzeugung die Monarchie noch die Mittel besitzt, diesen schwierigen Kampf glücklich zu beendigen, und es die Ehre des Kaiserreiches daher nicht gestatte, jetzt schon zu diesem äußersten Hilfsmittel zu schreiten, welches das traurige Geständnis der eigenen Schwäche in sich schließt. Österreich hat soeben erst glänzende Siege in Italien erfochten3, die Revolution ist auf einem anderen Felde durch die Ah. Verleihung der Verfassung besiegt worden4. Noch hat unsere Armee in Ungarn keine Niederlage erlitten, und die genannten drei Minister hegen daher die gewisse Hoffnung, daß das persönliche Erscheinen Sr. Majestät in Ungarn und die Vornahme der nötigen Personalveränderungen in der Leitung der militärischen und administrativen Angelegenheiten daselbst bei gleichzeitiger Anwendung vieler noch disponibler Streitkräfte in den übrigen Provinzen genügen werden, die Revolution in Ungarn und Siebenbürgen zu bekämpfen.

Der Ministerrat ging hierauf zur näheren Erörterung derjenigen Streitkräfte über, welche nach Ungarn und Siebenbürgen verlegt werden könnten.

Fürst Schwarzenberg verlas die Berichte des kommandierenden Generalen in Galizien vom 27. und 28. v.M., worin er erklärt, es sei zu befürchten, daß, wenn er dem erhaltenen Ah. Auftrage gemäß mit einem Armeekorps nach Ungarn einrückt, in Galizien selbst der Aufstand ausbrechen würde, der in den großen Waffenvorräten, welche in den Kreisstädten fast unbewacht vorhanden sind, die Mittel zur vollständigen Armierung finden würde. Nach der Meinung des Freiherrn v. Hammerstein könne in Galizien der Aufstand nur durch den Einmarsch der Russen hintangehalten werden5.

Dagegen enthält der vom Grafen Stadion sofort mitgeteilte Bericht des Grafen Gołuchowski die Versicherung, daß bei der ihm wohlbekannten Stimmung der großen Mehrzahl der Galizier 10.000 Mann aus der Provinz ohne alle Gefahr gezogen werden könnten, und daß die Notwendigkeit eines gleichzeitigen Einmarsches der Russen keineswegs vorhanden sei6.

FZM. Baron Welden schlug in dieser Voraussetzung vor, 10.000 Mann aus Galizien in mehreren Korps verteilt ohne Verzug über die Pässe der Karpaten nach Ungarn marschieren zu lassen. Die Zusammensetzung dieser Truppenmacht in ein einziges Korps|| S. 206 PDF || würde bei den großen Distanzen zu viel Zeit erfordern und selbst dann verhältnismäßig nicht so viel wirken können.

Nachdem der Kriegsminister und die übrigen Minister diesem Vorschlage beigetreten waren, geruhten Se. Majestät denselben Ag. zu genehmigen und zu bestimmen, daß FZM. Baron Hammerstein in Lemberg zu verbleiben, die militärischen Dispositionen im Lande zu leiten und für die Sicherstellung der Waffendepots zu sorgen habe7.

GM. Benedek wird unverzüglich aus Italien abberufen und ihm die Führung eines der galizischen Korps übertragen werden, da man sich von seiner Energie, Landeskenntnis und Tätigkeit den besten Erfolg versprechen kann und durch diese Widmung desselben in den Reihen der Generalität bei der italienischen Armee keine Lücke entsteht.

Se. Majestät geruhten ferner darauf hinzuweisen, daß die Garnison von Olmütz ohne Nachteil des Dienstes vermindert werden könnte, und FZM. Baron Welden gab die Erklärung, daß auch die Wiener Garnison unbedenklich eine Brigade an die ungarische Armee abgeben könne.

Der Kriegsminister wird noch heute im Vernehmen mit dem FZM. Baron Welden das Detail der entsprechenden Dispositionen entwerfen und Sr. Majestät zur Ah. Genehmigung vorlegen8.

In bezug auf Siebenbürgen behielt sich der Ministerpräsident vor, im geeigneten Wege dahin zu wirken, daß Rußland ohne Aufforderung unsererseits gegen die dortigen Insurgenten den Kampf wieder aufnehme, und brachte mit Hinblick auf diesen Zweck in Antrag, daß den kaiserlich russischen Generalen Lüders und Skariatin, dann den Obersten Moller und Engelhardt Ah. Auszeichnungen verliehen werden.

Se. Majestät geruhten diesen Antrag Ag. zu genehmigen9.

Olmütz, 3. April 1849. Schwarzenberg. Joseph. Olmütz, den 24. April 1849.