Nr. 264 Ministerrat, Wien, 2. November 1918 – Protokoll II - ( PDF)
RS.Reinschrift; P. Ehrhart; VS.Vorsitz Lammasch; BdE.Bestätigung der Einsicht und anw.anwesend (Lammasch 2. 11.); anw.anwesend Banhans, Homann, Wieser, Silva-Tarouca, Paul, Gayer, Vittorelli, Hampe, Seipel, Redlich, Lehne; außerdem anw.anwesend Stöger-Steiner, Mensdorff, Flotow, Seitz, Mataja, Mayer, Adler, Abram, Marckhl, Guggenberg; abw.abwesend Gałecki.
. KZ. fehlt – MRZ. 71
Protokoll II des zu Wien am 2. November 1918 abgehaltenen Ministerrates unter dem Vorsitze Sr. Exzellenz des Herrn Ministerpräsidenten Dr. Lammasch.
I. Waffenstillstandsbedingungen seitens Italiens
[I.] ℹ️Der Ministerpräsident teilt mit, dass die Versuche zur Erlangung eines Waffenstillstandes1 bisher zu keinem befriedigenden Ergebnisse geführt hätten, zumal die Bedingungen für uns nicht akzeptabel gewesen seien2. Es sei auch in Erwägung gezogen worden, zunächst auf andere Weise als durch den Waffenstillstand Tirol von dem Zurückfluten der Truppen zu sichern und man habe an die Besetzung durch bayerische ℹ️Heeresteile gedacht3, ℹ️dieser Weg sei aber nicht zweckmäßig.
Staatssekretär Mayer berichtet über eine Audienz der deutsch-österreichischen Regierung bei Sr. Majestät4. Der deutsch-österreichischen Regierung wurde eröffnet, dass die Bedingungen des Waffenstillstandes ziemlich hart seien. Insbesondere hinsichtlich der Räumung jener Gebiete, die Italien für sich in Anspruch nehme: Tirol bis zum Brenner, Teile von Görz-Gradiska, ganz Istrien, außerdem ein Teil Dalmatiens und die vorgelagerten Inseln, ferner freier Durchzug der Entente durch unser Gebiet, was den Aufmarsch gegen Deutschland bedeute. Was nun die Verhältnisse an der Front anbelangt, so seien die deutsch-österreichischen Truppen noch ziemlich fest, aber durch das Versagen der Ungarn und Slawen lockern sich auch die deutschen Heeresteile, die ja mit anderssprachigen Elementen durchsetzt seien5. Deutsch-Österreich wäre gewiss zu einem ernsten Opfer bereit, wenn der Zusammenbruch dadurch aufzuhalten wäre. Es sei aber unverkennbar, dass, wenn Deutsch-Österreich und Deutschland zusammen den Krieg weiterführen, sich eine ungemein ungünstige Front ergebe und die Umfassung unausbleiblich wäre. Was die unmittelbare Sicherung Tirols anbelangt, so denke er etwa an die Schaffung einer Sperrzone mit den bereits vorhandenen allerdings geringfügigen deutschen Kräften. Im Übrigen habe sich aber die deutsch-österreichische Regierung an Deutschland gewendet, welche Unterstützung geleistet werden könne, um womöglich die Front des Jahres 1915 zu halten.
Der Handelsminister wirft die Frage auf, was geschehe, wenn Deutschland ablehnte. Staatssekretär Mayer erwidert, Deutschland müsste entweder Hilfe bringen oder uns von weiteren Verpflichtungen entbinden. Der Finanzminister frägt, ob etwa Deutsch-Österreich den Krieg für sich allein fortsetzen würde, was Staatssekretär Mayer als wohl nicht möglich bezeichnet.
Staatssekretär Dr. Mataja ist derselben Ansicht und glaubt, man müsse sich einfach Wilson ergeben. Abgeordneter Marckhlist sich über den Inhalt dieses Vorschlages nicht ganz klar, worauf Staatssekretär Dr. Mataja erwidert, es bleibe eben nichts anderes übrig, als dass die Armee dem Feinde übergeben werde. Der Handelsminister meint, die Gefangennahme der Armee6 würde uns aller Sicherungsmaßnahmen auch im Inneren berauben. Staatssekretär Mayer sieht in der bedingungslosen Übergabe die Gefahr des Bolschewismus.
ℹ️Präsident Seitz meint, man habe jetzt grundsätzlich die Wahl, ob man sich der Entente oder Deutschland in die Arme werfen wolle. Es gehe wohl nicht an, die deutsch-österreichische Regierung, die auf die bisherige Gestaltung der Dinge keinen Einfluss hatte, nun plötzlich vor die furchtbare Verantwortung des Augenblicks zu stellen, diese müssten andere Faktoren tragen. ℹ️Ihrerseits habe sich die deutsch-österreichische Regierung in Deutschland erkundigt, ob die kurze Verzögerung des Waffenstillstandes, um die es sich ja handle, die Opfer wert sei. Ob aber die deutsche Antwort eigentlich das Wesen der Sache entscheiden könne, sei fraglich. Mit frei verfügbaren deutschen Reserven werde man nichts ausrichten. Es könne sich nur darum handeln, ob die deutschen Truppen aus dem Westen abgezogen werden oder man sich der Entente ergeben solle. Im ersteren Falle hätten wir sicher den Krieg auf unserem Gebiete, vielleicht aber im anderen Falle auch. Redner betont nochmals, dass man die Verantwortung nicht auf Deutsch-Österreich überwälzen könne. Der Ministerpräsident nimmt dies zur Kenntnis, betont aber, dass doch auch der deutsch-österreichische Staatsrat eine gewisse Mitverantwortung übernehme.
Der Kriegsminister erläutert die militärische Situation. Im Venezianischen überschreiten die Truppen den Tagliamento, ein Widerstand an dieser Linie sei nicht möglich. Die Gruppe Belluno7 sei auf den Rollepass zurückgegangen. In Tirol hoffe man sich vielleicht noch zwei bis drei Tage auf der Linie des Jahres 1915 zu halten. Ein längerer Widerstand südlich des Brenners sei wohl ausgeschlossen. ℹ️Das Gefangennehmenlassen der Armee sei eine technische Unmöglichkeit. Übrigens würden auf diese Weise gerade die relativ verlässlichen Truppen verschwinden, während die minder sicheren Etappetruppen übrigblieben. ℹ️Bei raschem Abschluss des Waffenstillstandes sei vielleicht jetzt noch eine geregelte Demobilisierung möglich.
Staatssekretär Dr. Adler hält diese Schilderung für etwas optimistisch, aber immer noch schlecht genug. Entscheidende Anhaltspunkte, ob der Waffenstillstand zu schließen sei, biete sie nicht. Die Berufung der deutschen Truppen nach Österreich bedeute den Bürgerkrieg. Es sei aber möglich, dass, wenn wir den Waffenstillstand abschließen, wir auch den Bürgerkrieg haben und die Schande dazu. Die Idee einer Volkserhebung komme im gegenwärtigen Zeitpunkte nicht in Betracht. Die Kraftgefühle der Bevölkerung seien verraucht und lassen sich nicht wieder galvanisieren. Finde man nun heute die Annahme des Waffenstillstandes für schmählich, so sei es unzulässig, Deutsch-Österreich mit diesem Entschlusse zu belasten. Gemindert könne die Verantwortung nur dadurch werden, dass man in genauester Fühlung mit Deutschland vorgehe. Deshalb habe die deutsch-österreichische Regierung die Heeresleitung fragen lassen, welcher Wert für Deutschland aus der Ablehnung des Waffenstillstandes und welcher Schaden aus seiner Annahme erwachsen würde.
Der Ministerpräsident wirft die Frage auf, wie sich die Tiroler gegen einen Durchmarsch der Entente verhalten würden. Staatsrat Abram meint, in Tirol sei jede Widerstandskraft erloschen. Zu Taten wie die der Belgier am Kriegsbeginn8 würden sie sich nicht hinreißen lassen. Wenn das Deutsche Reich nicht gleichzeitig mit uns Waffenstillstand oder Friede mache, so werde es den Kampf im Brennergebiet suchen. ℹ️Der Kriegsminister möchte beiden Vorrednern beipflichten und hält dafür, die deutsch-österreichische Regierung müsse der deutschen Regierung die Situation rückhaltlos in ihrer ganzen Furchtbarkeit darstellen.
Abgeordneter Guggenberg hofft, man könnte einen gewissen Halt an der Front erreichen und dadurch Zeit für die Zurücknahme der Truppen gewinnen. Staatssekretär Dr. Adler konstatiert, ein gewisser Widerstand bedeute ein gewisses Quantum von Blut. Seine Partei sei wohl grundsätzlich gegen das Blutvergießen, sie müsse aber den tatsächlichen Verhältnissen des Krieges Rechnung tragen. Immerhin sei in jedem Augenblicke auf das Strengste zu prüfen, in welchem Verhältnisse der zu gewärtigende Erfolg zu den zu bringenden Opfern stehe.
Der Ministerrat nimmt die Mitteilungen der Redner zur Kenntnis9.
Wien, am 2. November 1918. Lammasch.
[Keine Ah. E.Allerhöchste Entschließung Protokoll nicht im Protokollbuch der Kab. Kanzlei verzeichnet.]