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In Memoriam Friedrich Engel-Janosi - Retrodigitalisat (PDF)

|| S. 7 PDF || Am 7. März 1978 starb der erste Vorsitzende des Österreichischen Komitees für die Veröffentlichung der Ministerratsprotokolle, Universitätsprofessor DDr. Friedrich Engel-Janosi, kurz nach Vollendung seines 85. Lebensjahres. Das Anlaufen dieses großen Editionsvorhabens ist in Österreich der Initiative Friedrich Engel-Janosis zu verdanken. Der rasche Fortgang der Edition schon im ersten Jahrzehnt wäre ohne das wache, ja begeisterte Interesse Engel-Janosis, ohne sein nie erlahmendes Engagement, undenkbar gewesen.

Die anspruchsvollste Quellenedition zur Geschichte der Donaumonarchie im Zeitalter Franz Josephs, die in der Zweiten Republik Österreich unternommen wurde, stand im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens unter der Leitung eines Gelehrten, der, am 18. Februar 1893 in Wien geboren, in Familientradition und persönlichem Erleben zutiefst in der franzisko-josephinischen Epoche verwurzelt war1. Im Vorwort zu dem letzten Band, den Friedrich Engel-Janosi einleitete und betreute (die Ministerien Erzherzog Rainer und Mensdorff, Bd. 1), kam er auf die Entstehung des kaiserlichen Notverordnungsrechts im Februarpatent von 1861 zu sprechen. „ … wer, wie der Verfasser dieses Vorworts, noch selbst die Auswirkungen des in der Februarverfassung verankerten Notverordnungsrechtes, dessen geradezu groteske Entstehung in diesem Band zum erstenmal aufgeklärt wird, miterlebt hat“, werde sich, so schrieb Engel-Janosi, von jeder Versuchung frei fühlen, auch nur sachte Sympathien bei der Bewertung des § 13 im Ernste zu empfinden. So persönliche Worte konnte, im Jahre 1977, der Vorsitzende des Österreichischen Komitees für die Veröffentlichung der Ministerratsprotokolle für einen Notverordnungsparagraphen aus dem Jahre 1861 finden.

Die Planungen für das große Editionsvorhaben setzten 1966 ein. Bei einem Besuch in Budapest auf Einladung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften wurde Engel-Janosi der vom Ungarischen Staatsarchiv herausgegebene Band „Die Protokolle des gemeinsamen Ministerrates der österreichisch-ungarischen Monarchie (1914-1918)“ überreicht; || S. 8 PDF || in den Gesprächen mit den ungarischen Kollegen nahm die Idee einer Gesamtedition der Protokolle von 1848 bis 1918 Gestalt an. Aus Ungarn nach Wien zurückgekehrt, machte sich Engel-Janosi zum Anwalt eines solchen umfassenden Vorhabens; er wurde auf österreichischer Seite zum Initiator der Edition. Schon im November 1966 wandte er sich an den damaligen Bundesminister für Unterricht, Dr. Theodor Piffl-Percevic, und wies nachdrücklich darauf hin, wie wichtig für das Ansehen Österreichs und der österreichischen Geschichtswissenschaft die gemeinsame Edition dieser österreichischen, im Haus-, Hof-und Staatsarchiv erliegenden Geschichtsquelle wäre. Engel-Janosis Argumente fielen im Bundesministerium für Unterricht auf fruchtbaren Boden, und schon im Juni 1967 kam es zur Einsetzung der unter seiner Leitung stehenden Arbeitsgruppe zur Veröffentlichung der Ministerratsprotokolle, die alsbald als Österreichisches Komitee für die Veröffentlichung der Ministerratsprotokolle die Kooperation mit dem Ungarischen Komitee in Budapest aufnahm. Engel-Janosi hat in seinem Vorwort zum Einleitungsband der „Protokolle des österreichischen Ministerrates 1848-1867“ (1970) die Modalitäten und Anfangsphasen dieser neuartigen, erstmals seit 1945 durchgeführten bilateralen Kooperation von Historikern Österreichs und Ungarns dargelegt.

Von 1966 bis 1978 hat sich Friedrich Engel-Janosi als Vorsitzender des Österreichischen Komitees unentwegt nicht bloß der wissenschaftlichen, sondern auch der organisatorischen und der finanziellen Aspekte des Editionsvorhabens angenommen. Seiner Bereitschaft, große persönliche Verantwortung für das Editionsvorhaben zu tragen, gebühren Dank und Respekt seiner Kollegen und Mitarbeiter, gerade zu einem Zeitpunkt, in dem die Eingliederung des Editionsvorhabens als Abteilung in das Österreichische Ost-und Südosteuropa-Institut zusätzliche institutionelle Sicherungen mit sich bringt, deren sich Engel-Janosi noch nicht bedienen konnte.

Engel-Janosis Engagement für die Edition der Ministerratsprotokolle ging über sein Wirken als Anreger, über das Wahrnehmen organisatorischer und finanzieller Belange weit hinaus. Nur wer über eine Reihe von Jahren aus der Nähe erlebt hat, wie intensiv Engel-Janosi die Sachprobleme der Edition mit den jüngeren Mitarbeitern besprach, wie genau er Zeile für Zeile der Manuskripte las und kommentierte, kann ermessen, welche Rolle er als Mentor der jüngeren Generation (oder Generationen) von Historikern gespielt hat, die an der Edition bisher mitgewirkt haben oder weiter mitwirken. Der Dank dieser jüngeren Historiker für all das, was sie über ein Jahrzehnt lang an Förderung, an Anregungen, auch an „challenge“ von Friedrich Engel-Janosi erhalten haben, darf hier stellvertretend ausgesprochen werden.

Schließlich ist nachdrücklich daran zu erinnern, daß Engel-Janosi keineswegs nur der Mentor jüngerer Historiker gewesen ist, sondern selbst als Autor gewichtige Beiträge zu den ersten Bänden der Edition geleistet hat. Vier Bänden der Edition hat Engel-Janosi ausführlichere Einleitungen vorangestellt: den beiden das Ministerium Belcredi betreffenden Bänden [1] [2], dem ersten Band der Abteilung Ministerium Buol-Schauenstein und dem ersten Band der Abteilung Ministerium Erzherzog Rainer und Mensdorff.

|| S. 9 PDF || Mit diesen Einleitungen - zusammen bilden sie ein Œuvre von 140 Druckseiten! - kehrte Engel-Janosi zu einem Forschungsgebiet zurück, das ihn seit den zwanziger und dreißiger Jahren nie losgelassen hatte: die Habsburgermonarchie in den beiden Jahrzehnten nach Metternich, den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts. War Engel-Janosi in seinen früheren Werken in erster Linie den europäischen Bezügen der Donaumonarchie von Metternich bis Königgrätz - und darüber hinaus - nachgegangen, so fesselte ihn nun zunehmend die innere Struktur. Bei der Lektüre seiner Einleitungen merkt man, daß Engel-Janosi ausgebildeter Jurist und als Praktiker in Bankwesen und Industrie erfahren war. Er erkannte die Zusammenhänge von verfassungs-und finanzpolitischen, militärischen und sozialen Fragen. Charakteristisch ist, was er als das Wesentliche der Dokumente bezeichnete, die in dem ersten von ihm eingeleiteten Band (Ministerium Belcredi von Juli 1865 bis März 1866) vorgelegt wurden. Nicht in den persönlichen Fragen liege das Wesentliche, „sondern in der Möglichkeit, den sozialen Entwicklungsprozeß, den die Donaumonarchie zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm, genauer zu sehen, als dies bisher möglich gewesen ist, ihren Eintritt in die Periode der kapitalistischen Wirtschaft zu beobachten und ihre beginnende engere Verflechtung mit der Gemeinschaft der westeuropäischen Staatenwelt2“.

Engel-Janosis Einleitungen orientieren sich strikt an dem Quellenmaterial, das zusammenzufassen ihre Aufgabe ist. Er zitiert viel; bisweilen möchte man meinen, daß seine Darstellung zu eng an den Dokumenten haftet; doch nein, immer wieder greift er gerade jene Quellen heraus, aus welchen wichtige Zusammenhänge plötzlich erkennbar werden: etwa der Zusammenhang zwischen Verfassungsfrage und Kapitalbeschaffung 18653 oder zwischen Volksbewaffnung und Bedrohung der besitzenden Klassen während des Krieges von 18664. Der Entwicklung des Eisenbahnwesens hat Engel-Janosi sein besonderes Interesse zugewandt, aber auch dem Strafrecht und dem Strafvollzug5. Er hat sich nicht gescheut, wo es ihm angezeigt schien, seine moralischen Überzeugungen zur Geltung zu bringen, etwa in seiner Diskussion des Falles Benedek6.

Engel-Janosi hat geschrieben, den Ministerratsprotokollen fehle eben das, was den Reiz der so lange bevorzugten diplomatischen Quellen ausmachte: das Pittoreske, das subjektiv-einmalig Gesehene, das Farbige; „wenn sie erzählen, so ist es grau in grau7“. Und doch ist es ihm gelungen, die zahlreichen menschlichen Schicksale, die durch die Quellen der Ministerratsprotokolle wandern, zu erspüren. Ob es ein Benedek ist oder ob es die Opfer der Urteile der Ausnahmegerichte von 1849 in Ungarn betrifft, ob es sich um das Schicksal des Hofhistoriographen Friedrich Emanuel von Hurter oder um jenes des Festungssträflings || S. 10 PDF || Ignácz Kulterer handelt8, ob es um Spekulanten der anhebenden Gründerjahre, wie den Advokaten Franz Stradal, oder um die Persönlichkeit des Grafen Belcredi geht9: der Biograph in Engel-Janosi leuchtet uns auch in seinen Einleitungen zu den Ministerratsprotokollen entgegen.

Friedrich Engel-Janosi hat es verstanden, in seinen Einleitungen die großen Fragen, die sich der Monarchie Franz Josephs in den fünfziger und sechziger Jahren stellten, weithin sichtbar aus der Fülle administrativer und wirtschaftlicher Einzelheiten herauszulösen. Er tut dies auch im Dialog mit vorhergehender historischer oder staatsrechtlicher Literatur. Insbesondere ist die überragende Bedeutung, die Engel-Janosi dem Werk Josef Redlichs über das österreichische Staats-und Reichsproblem zumißt -bei aller Kritik im einzelnen -, zu vermerken10. Auch in einer bescheidenen „Einleitung“ ist der große Atem des Geschichtsschreibers zu spüren, wenn Engel-Janosi die zentrale Frage nach der Stellung Ungarns in der Monarchie aufwirft; wenn er zu dem Schluß kommt, daß wir zuwenig Quellen über das Innenleben Franz Josephs besitzen, „um mit Bestimmtheit sagen zu können, in welchem Zeitpunkte sich die historisch unumgängliche Wandlung vom Schüler Metternichs und Freund Esterházys zum Partner Déaks und dann Andrássys vollzog11“.

Die Einleitungen, die Friedrich Engel-Janosi den vier unter seiner Obsorge erschienenen Bänden der Edition mitgegeben hat, zählen zum Wichtigsten, was die österreichische Historiographie der letzten drei Jahrzehnte zur Geschichte der Monarchie zwischen 1852 und 1867 ausgesagt hat. Die österreichischen Historiker jüngerer Generationen, die das von ihm begonnene Werk fortsetzen, bleiben Friedrich Engel-Janosi in dankbarem und respektvollem Gedenken verbunden.